Größere Gruppen, weniger Personal, kürzere Öffnungszeiten, höhere Gebühren ...
Kindergärten
Größere Gruppen, weniger Personal, kürzere Öffnungszeiten, höhere Gebühren ...
Von 1995 an soll jedes dreijährige Kind in diesem Lande ein „einklagbares Recht auf einen Kindergartenplatz“ haben. Und glaubt man der Presse, so soll dann im Januar 1996 auch wirklich ein Platz da sein! Bis dahin muß aber offensichtlich noch allerlei an den bestehenden Bedingungen herumgebastelt werden.
Der gemeinnützige Verein zur Förderung der Vorschulerziehung in Singen hat z.B. ausgerechnet, daß, wenn der Stichtag der Anmeldung der 31.12.95 wäre, allein in Singen 129 Plätze fehlen. Man kann jedoch sicher sein, daß in dieser Zahl die Kinder von Flüchtlingen und Asylbewerbern nicht mit enthalten sind.
So kann man also damit rechnen, daß mit der kommenden Stichtagsregelung schon der Versuch einhergehen wird, den Anspruch auf einen Kindergartenplatz so weit wie möglich hinauszuzögern.
In einer Gesellschaft, in der jede fünfte „Familie“ aus nur einem Elternteil mit Kind/em besteht, wird deutlich, wie wichtig gerade in einer solcher Lage Kinderbetreuungseinrichtungen sind. Rund 85% der Alleinerziehenden sind Frauen, und davon sind nur etwa ein Drittel nicht berufstätig. Die Hälfte der alleinerziehenden Mütter hat ein Nettoeinkommen von unter 1800 DM und ist auf Sozialhilfe angewiesen. Aber auch studentische Eltern (immerhin 135 000) sind, nach einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks, mit monatlich durchschnittlich 1400 DM schlichtweg arm, und bei ihnen kommen auf 100 Kinder gerade mal zwei Hortplätze! Von den Bedingungen für Flüchtlingskinder, wo in den Sammelunterkünften in Singen z.B. ganze Familien in einem Zimmer hausen und sich mit 24 Menschen (verschiedener Nationalität und Religion) zwei Toiletten, eine Badewanne, eine Waschmaschine und eine Winzküche teilen müssen, ganz zu schweigen.
Schaut man also die Bedingungen an, unter denen in diesem Lande Kinder aufwachsen und nimmt noch die Einschränkungen dazu, die die zunehmende Arbeitslosigkeit, Zerstörung der Natur und Umwelt mit sich bringen, dann ist man nicht verwundert über die „Zukunftslosigkeit“ vieler junger Menschen. Weltweite Kriege und Katastrophen aus Menschenhand tun ihr Teil dazu, die Angst vor dem Leben zu vergrößern. 1992 hat der Kinderschutzbund alarmierende Zahlen veröffentlicht: Rund 40 Kinder versuchen täglich, ihr Leben durch Suizid zu beenden, vier davon schaffen es! Jedes fünfte Kind gilt nach dem Bericht als psychisch gestört. Eine andere Arbeitsgruppe hatte im selben Jahr unter dem Arbeitstitel „Gestutzte Chancen“ festgestellt, daß immer mehr Kinder unter massiven Störungen leiden, wie Unruhe, Sprachschwierigkeiten, Bewegungsstörungen, Konzentrations-, Lese- und Rechenschwäche. Durch die fehlenden Möglichkeiten, sich auszutoben und den eigenen Körper kennenzulernen, verkümmern bestimmte Sinne, wie z.B. der Tast- oder der Gleichgewichtssinn und natürlich auch Muskeln und Bänder. Es wurde berichtet, daß ganz viele Schul- und Kindergartenkinder nicht mehr in der Lage sind, zu hüpfen, zu hinken, zu klettern, seilzuspringen oder zu balancieren (beide Artikel in der „taz-Hamburg“, am 16.5.92).
Da ja wahrscheinlich auch Politiker hin und wieder solche Artikel in die Hand bekommen und sie vielleicht sogar lesen, kann man über die Schlüsse, die sie ziehen, nur wütend und entsetzt sein.
Sowohl die Regierung als auch die Opposition tönen seit Jahren, daß nun jedes Kind einen Kindergartenplatz haben soll. Aber wie der aussehen soll, dazu haben sie lieber nichts gesagt. Erzieherinnen und Elternvertreterinnen haben schon bei Beschlußfassung der Regierung vor Illusionen gewarnt. Schon in den letzten zehn Jahren sind die Betreuungsbedingungen bundesweit verschlechtert worden. Als relativ ideal galten damals Gruppen von 24 Kindern mit zwei Erzieherinnen. Schon damals sah die Wirklichkeit eher nüchterner aus, denn oft war die zweite Kraft ein Zivi oder eine Auszubildende. Und wenn jemand erkrankte, war halt doch nur noch eine Person für 24 kleine Menschen da. Betroffene nannten diese Art der Kinderbetreuung: Kinderverwahrung!
Mittlerweile ist die Gruppenstärke überall auf durchschnittlich 28 Kinder angewachsen ohne Erhöhung der ErzieherInnenzahlen. Deshalb ist es besonders erschreckend zu hören, daß der Landesrechnungshof Baden-Württembergs eine Gruppenstärke von 31 Kindern fordert. Gleichzeitig werden keinesfalls mehr Erzieherinnen eingestellt, sondern weniger.
In Singen wurden beispielsweise, nach harten Auseinandersetzungen im Jugendhilfeausschuß, viereinhalb Stellen gestrichen. Das soll der Stadt im Jahr 1995 eine Einsparung von 270000 DM bringen. Engpässe sollen durch einen „Personalpool“ von Springerinnen vermieden werden. Man kann sich gut vorstellen, wie viel Chaos und Unsicherheit derartig wechselnde Bezugspersonen für Kleinkinder bedeuten und wie viel Kraft es die Springerinnen kostet, sich auf diese einzustellen.
Weitere Änderungen sind: eine Erhöhung des Beitrags von 90 auf 110 DM für Eltern, die flexible Öffnungszeiten in Anspruch nehmen, und eine Kürzung der Öffnungszeiten.
Auch in anderen Orten der Region werden ähnliche Manöver durchgeführt. In Gottmadingen und Randegg eine Erhöhung von 80 auf 95 DM bei gleichzeitigem Versuch, die Öffnungszeiten zu verkürzen. In einigen Orten, wie zum Beispiel in Gailingen, wo es nur einen katholischen Kindergarten gibt, wird noch überlegt, wie man die Kinder auf die vorhandenen Gruppen verteilen kann. Es gibt auch Vorschläge, Plätze doppelt zu belegen, weil ja doch nie alle Kinder anwesend seien, wobei Anwesenheitszahlen dabei deutlich nach unten „abgerundet“ wurden. Ein anderer Versuch ist, mehr Kinder in Nachmittagsgruppen zu locken, da hieran offensichtlich weniger Bedarf herrscht ...
Wie man sieht, ist noch ziemlich unklar, in wieweit der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Drei- bis Sechsjährige durchgesetzt werden kann. Außerdem ist ja auch die Achtjährige oder der Elfjährige angewiesen auf Hilfe, Essen und Betreuung, wenn beide Eltern arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn da nun keine Oma oder Tante zur Hilfe kommt, muß das Kind sich selbst „durchschlagen“; oder eine teure private Tagesstelle muß gefunden werden, was dann einige hundert Mark kostet.
Das alles sieht nicht allzu rosig aus. Wen wundert es, daß die Paare in diesem Lande sich sehr lange überlegen, ob sie überhaupt Kinder in die Welt setzen. Wer kann denn unter solchen Bedingungen schon „garantieren“, daß er es durchhält, für die zu erwartenden 18 Jahre und mehr finanziell und persönlich-menschlich da zu sein? Quellen: dir. „Südkuriere“ und „Wochenblätter" im Jahr 1994 — (tia)