Heft 5 vom 02.03.1995 7/05 scan 2026-08-01

Gesamtmetall will Tarifvertragssystem aushöhlen

Tarifkampf in der Metallindustrie


Tarifkampf in der Metallindustrie

Gesamtmetall will Tarifvertragssystem aushöhlen

Bayern ist vom IG Metall-Vorstand zum Arbeitskampfgebiet bestimmt worden. Die Öffentlichkeit einschließlich der IG-Metall-Führung hatte nach vielen ergebnislosen regionalen Verhandlungen eine Tarifeinigung kurz vor Beginn der Urabstimmung erwartet — und mußte überrascht feststellen, daß Arbeitgeberpräsident Gottschol in Abstimmung mit seinem Vorstand weiterhin kein konkretes Angebot vorlegt. Das Unverständnis über die Haltung von Gesamtmetall geht weit in Angestelltenkreise hinein. Gesamtmetall will über das ganze Tarifvertragssystem verhandeln. Der Ausstieg aus nichtgekündigten Tarifverträgen (zum Beispiel Manteltarifvertrag, Urlaubstarifvertrag) wird zur Voraussetzung für Einkommenserhöhungen gemacht. Die schlechte Tradition aus dem Jahr 1994 soll 1995 fortgesetzt werden.

Es gibt auch Kritik aus dem Arbeitgeberlager an Gottschols Verhandlungsführung. Denn die Autobranche boomt, und terminierte Aufträge müßten im Fall eines Streiks gestrichen werden. Die Konkurrenz könnte Marktanteile gewinnen. Aber starke Kräfte im Arbeitgeberlager, anscheinend: besonders in Bayern, wollen es drauf ankommen lassen. Was versprechen sie sich davon?

BMW wirbt in ganzseitigen Anzeigen für die Vier-Tage-Woche von Montag bis Samstag wie im Werk Regensburg. Über 200 verschiedene Arbeitszeitregelungen garantierten jetzt schon betriebliche Flexibilität bei BMW. Gerade im Bezirk Bayern an der Grenze zum Niedriglohnland Tschechien haben die Kapitalisten weitgehende Tarifforderungen aufgestellt. Die variable Verfügbarkeit der Belegschaften rund um die Uhr, am besten kapazitätsorientiert, ist das Ziel von Gesamtmetall. Für eine weitere Durchlöcherung der Tarifverträge fehlt aber den Tarifkommissionen der IG Metall das Mandat. Bei weiterer Flexibilisierung der Arbeitszeit würden sich viele Fragen stellen, die in der IG Metall noch nicht ausdiskutiert sind. Wo bleiben zum Beispiel die Rechte der Beschäftigten, wo die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte? Insofern ist die Entwicklung zur Urabstimmung und zum Arbeitskampf günstig, auch wenn die IG Metall relativ unvorbereitet ist.

Wenn die Kapitalisten zur Aussperrung greifen, kommen noch größere Einkommensverluste auf die Metaller zu. Deshalb muß schnell Druck entfaltet werden. Die Beteiligung an den Streiks ist gut. Die Bereitschaft der Metallerinnen und Metaller, weitere Einbußen zu verhindern, ist groß. Die Einkommensverluste treffen nicht nur Arbeiter hart. Jetzt, in der Zeit voller Auftragsbücher bei den Autokonzernen und einer stürmischen Aufwärtsentwicklung im Werkzeugmaschinenbau, können die Begehrlichkeiten von Gesamtmetall eher zurückgewiesen werden.

So gesehen ist der Konflikt scharf. Das Arbeitgeberlager spekuliert darauf, die schon beschlossene Einführung der 35-Stunden-Woche als Druckmittel einzusetzen. Wer Arbeitszeitverkürzung sage, müsse auch der Ausweitung der Maschinenlaufzeiten zustimmen. Die IG Metall kann es sich aber nicht leisten, auch dieses Jahr bestehende Tarifverträge zu durchlöchern. Jetzt haben die Mitglieder die Entscheidung in ihrer Hand. Das ist nach all den in der Presse zitierten Äußerungen der DGB-Spitze eher befreiend und erhöht die Chancen für einen annehmbaren Abschluß. — (ros)

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