Gesamtmetall mußte zurückweichen
Tarifabschluß Metall in Bayern/Baden-Württemberg noch offen!
Gesamtmetall mußte zurückweichen
Der Tarifabschluß in der bayerischen Metallindustrie hat ein lebhaftes und unterschiedliches Echo gefunden. Zunächst überwog bei den Kommentatoren in den Medien und bei den Verhandlungsführern von Gesamtmetall die positive Bewertung. Der Abschluß wurde als vernünftig und der wirtschaftlichen Lage angemessen bezeichnet. Kurze Zeit später kam der Schwenk.
Der baden-württembergische Verband der Metallindustrie (VMI) stellt den Abschluß in Frage. An vorderster Front in der Ablehnung steht Deutschlands größter Autokonzern MercedesBenz. Selbst Dieter Hundt, seines Zeichens Verhandlungsführer der Arbeitgeber in Baden-Württemberg und in Bayern als Vertreter von Gesamtmetall am Verhandlungstisch, läßt jetzt am Abschluß kein gutes Haar mehr. In den Reigen der Kritiker reiht sich nicht nur der FDP-Bundeswirtschaftsminister Rexrodt ein, sondern auch der baden-württembergische Wirtschaftsminister Dieter Spöri von der SPD. Er bemängelt die fehlende Flexibilität des Abschlusses. Was ist passiert?
Die Konzerne und Gesamtmetall hatten angesichts brechend voller Auftragsbücher in der Autoindustrie und im Werkzeugmaschinenbau ein schnelles Ende des Arbeitskampfes betrieben. Die Verteuerung der DM infolge der weltweiten Währungsspekulation hat ihnen jetzt die Profitaussichten etwas geschmälert und mit Wucht werfen sie sich auf weitere Programme zur Kostensenkung.
Im Vordergrund der Taktik der Arbeitgeber war zunächst die Verschiebung der 35-Stunden-Woche und der Einbezug des Samstags in die Regelarbeitszeit gestanden. Genau hier mußte Gesamtmetall zurückstecken. Und neben der viermonatigen Pauschalzahlung von 152,50 DM monatlich sind dies die eindeutigen Pluspunkte des Tarifergebnisses.
Die gewerkschaftliche Taktik, den Streik in einem Tarifgebiet mit einem hohen Anteil von mittleren und kleineren Betrieben zu führen und dadurch das Mittel der Aussperrung zu begrenzen, war erfolgreich. In Bayern konnte sich Gesamtmetall mit dem Konfrontationskurs nicht durchsetzen. Die „Disziplin“ der Arbeitgeber, das heißt die Unterordnung der Kleinen unter die Großen, funktionierte nicht.
Der diesjährige Tarifkampf hat die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern aufgedeckt. Hatte in den letzten 20 Jahren die IG Metall in BadenWürttemberg Tarifgeschichte geschrieben durch eine konzernorientierte Gewerkschaftsarbeit besonders mit den Geschäftsführungen von MercedesBenz und Bosch, so zeigt sich 1995, daß die großen Blockierer gerade in diesen Zentralen sitzen. Bosch-Siemens gehörte zu den Hardlinern in Bayern, Mercedes-Benz ist Scharfmacher in BadenWürttemberg.
Auch in der IG Metall brechen die Fronten auf. Die Presse berichtete, daß Riester, zweiter Vorsitzender der IG Metall, in der letzten Verhandlungsnacht eine „intelligente flexible Arbeitszeitregelung“ angeboten habe. Die Verhandlungsführer der Arbeitgeber seien aber darauf nicht eingegangen, da es ihnen zu wenig durchdacht war. Die Auflösung bestimmter noch bestehender Arbeitszeitregelungen wird demnach vom Gewerkschaftsvorstand selber angeboten. Im selben Zusammenhang muß vermerkt werden, daß der Vorschlag des DGB-Vorsitzenden Schulte, den Samstag als Regelarbeitstag wieder einzuführen, öffentlich nur vom ersten Vorsitzenden der IG Metall Zwickel und von der IG Bau Steine Erden zurückgewiesen wurde. Die anderen Gewerkschaften hielten sich zurück.
So läßt sich zunächst festhalten, daß mit dem bayerischen Abschluß das Tarifvertragssystem noch steht und die IG Metall einen Erfolg verbuchen konnte. Aber: Die offene Auseinandersetzung der letzten Tage kündigt an. daß es in der Frage der flexiblen Arbeitszeiten keine Entwarnung geben wird. Die Firmen werden Modelle von versetzten Schichten, Jahresarbeitszeitregelungen, kapazitätsorientierter variabler Arbeitszeit (KAPOVAZ) anbieten und mit Arbeitsplätzen winken. Sie werden der IG Metall-Kampagne „Einstellungen statt Überzeit" öffentlichkeitswirksam entgegenkommen. Die offene Debatte über Art, Umfang und Richtung der Flexibilisierung der Arbeitszeit muß in den Gewerkschaften unbedingt geführt werden. — (ros)