Zapatisten, Chiapas und die neoliberale Repression
Veranstaltung zur Lage in Mexiko
Zapatisten, Chiapas und die neoliberale Repression
Mexiko, das Musterland des Neoliberalismus, hat Im Februar abermals die Militärs aus der Kasernen ausrücken lassen. Die rebellierenden Zapatistas, die nicht länger mehr Opfer der neoliberalen Ausbeutung sein wollten, wurden mit einem blutigen Krieg überzogen. Um gegen die verzerrte Medienmanipulation anzugehen, orientierten Delf Bucher, Jorge Cervantes und Olinca Morena (beide aus Mexiko) in der Infokneipe über Chiapas.
Schon als die Zapatistas 1994 den zentralen Platz von San Cristobal de las Casas besetzten, war das vorgefertigte Bild aus der mexikanischen Regierungszentrale da: Ausländische Guerillero sollten hier am Werke sein. In die Reihe der Desinformation und Nachrichtenverfälschung reihte sich ein Jahr später die angebliche Enttarnung des Subcommandante Marcos ein. Die Rebellion der Landlosen, der unüberhörbare Schrei nach Land, soll hinter der schwarzen Skimütze des Subcommandante Marcos verschwinden. Hier schloss sich der Südkurier-Korrespondent Carl Goerdeler in seinem ersten Hintergrundbericht an, wenn er schreibt: „Der Aufstand in Chiapas wurde nicht von entrechteten IndioBauern angezettelt, sondern von einer Hand voll hellhäutiger Männer und Frauen, die aus bürgerlichen Häusern stammen.“
In der Infokneipe zeichneten die ReferentInnen ein anderes Bild. Delf Bucher berichtete von einer Demonstration im Oktober 1994, wo eine gewaltige Menschenmasse von über 35000 Demonstrantinnen anlässlich des 502. Jahrestag des Widerstandes gegen die „Entdeckung“ Lateinamerikas durch die Strassen zogen. Die Campesinos kamen von den Dörfern der umliegenden Hügel. Schon seit Jahrzehnten warten sie auf Wasser und Strom, seit Jahrzehnten wird ihnen das Wahlrecht von der autoritären Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) vorenthalten. Die Referentinnen nannten konkrete Zahlen, die die soziale Situation ausleuchtet: 77 Prozent der Kinder leiden nach den Informationen des Bischofs von San Cristobal de la Casas, Samuel Ruiz, an Unterernährung. Die Kindersterblichkeit ist innerhalb Mexikos in Chiapas am höchsten. Das Heer von Kindern, das als Schuhputzer dem Touristen-Tross in der kolonialen Stadt auf Schritt und Tritt folgt, beweist untrüglich: Schulbesuch ist nicht angesagt. Mit 30 Prozent Analphabeten-Rate hält Chiapas auch hier den traurigen Rekord in Mexiko. Mit dem Kontrast dieser wasserreichen und fruchtbaren Paradieslandschaft vor Augen, mit dem Ölreichtum der Region, wird es zum Skandal: 17 000 Menschen, so die Schätzung von Samuel Ruiz, sind alleine im vergangenen Jahr hier an Unterernährung gestorben. Auch eine andere Zahl charakterisiert das neoliberale Wirtschaftsmodell recht anschaulich: Über 20 Familien beziehen jährlich ein Einkommen wie 40 Millionen Mexikanerinnen, die sich unter dem Existenzminimum durchschlagen müssen. In Chiapas, dem „guatemaltekisierten“ Süden Mexikos, ist die Situation noch zugespitzter. Einige Grossgrundbesitzer und Viehhändler verteilen den Löwenanteil des Volkseinkommens unter sich.
Vor diesem Hintergrund wurden denn auch die Aussagen der Indigenas in dem in der Infokneipe gezeigten mexikanischen Video klar. Die Aussage — „Wir haben nichts mehr zu verlieren“ — ist keine trutzige Aufmunterungsparole, sondern die bittere Realität des bewaffneten Kampfes. In ihrer Analyse hielten die Referentinnen fest, dass die Zapatistas, von dem linksliberalen mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes als die erste „postkommunistische Revolte“ bezeichnet, ein ganz enges Verhältnis zu den übrigen Oppositions- und Massenbewegungen eingegangen sind. Das Video zeigte den eindrucksvollen Aufmarsch bei der Convencion im Urwald. Die Lieblingsvokabel „Zivilgesellschaft“ von Subcommandente Marcos wurde durch die Präsenz von 6000 Delegierten von Menschenrechts- und oppositionellen Gewerkschaftstruppen eindrucksvoll als eine gesellschaftliche Realität wahrnehmbar. Daß die Manifestation im Urwald nicht in eine Abwahl des korrupten PRI-Regime einmündete, interpretierten die Referentinnen als die verzweifelte Hoffnung vieler Mexikanerinnen, dass die neoliberale Rosskur doch noch zu einem Zugang zur 1. Welt führen könnte. Denn trotz des massiven Wahlbetrugs bei den Präsidentschaftswahlen am 28. August gingen die Referentinnen von einer Mehrheit für den PRIKandidaten Zedillo — ausgenommen in Chiapas — aus. Der Pesos-Verfall in Mexiko, die tiefe Krise hat nun aber auch den „Mittelstand“ ins Trudeln gebracht. Aber zuallererst hat er die militärische Repression provoziert. 47 Milliarden Dollar Umschuldung wurde dem bedrängten PRI-Staat von IWF, USA und Weltbank geboten. Zu einem politischen Preis, wie Subcommandante Marcos in seinen ersten Stellungsnahmen herausstreicht. Das internationale Kapital setzte auf folgende Rezeptur, um wieder die Auslandsinvestoren nach Mexiko zu locken: Bomben und massakrierende Truppen statt Verhandlungslösung mit den Zapatisten. Nur: Die Guerilla verschwindet nicht mit Kanonendonner von der Bildfläche. Die Zaptistas sind Ausdruck eines grossen Flügels innerhalb der mexikanischen Zivilgesellschaft, die nach über 60 Jahren autoritären PRI-Staat, nach einem atemberaubenden neoliberalen Poker der mexikanischen Finanzoligarchie einen politischen und sozialen Neuanfang wünschen. Die Massendemonstrationen in allen grösseren Städten Mexikos der letzten Wochen beweisen das. - (Bu)