Ein Deserteur berichtet: „Bin kein Mörder“
Ein Deserteur berichtet: „Bin kein Mörder“
Auf Einladung des Antifaschismus- und des Zentralamerika-Komitees Tübingen erzählte Lothar Pfeiffer aus Singen, 72 Jahre, vor fünfzig Zuhörern im Schlatterhaus seine Geschichte. Das Schwäbische Tagblatt berichtete ausführlich, wir zitieren in Auszügen:
1941 wurde der aus Celle stammende Lothar Pfeiffer zur Wehrmacht eingezogen, zur „Division Brandenburg“, einer Spezialeinheit, der in Hitlers Vernichtungskrieg besondere Aufgaben zugedacht waren: Die „Brandenburger“ bekämpften vor allem Partisanenverbände im Osten, und der junge Kraftfahrer fuhr eines ihrer Sturmgeschütze.
Ende 1942, in einem ländlichen Vorort von Kiew: Pfeiffers Division wird ein Verpflegungswagen gestohlen. Aus Rache für den Diebstahl werden unter den Bewohnern des Orts „Geiseln ausgehoben“. 150 Frauen und Kinder. Sie werden aufs offene Feld getrieben. Ein Kommandeur stellt das Erschießungskommando zusammen, zwölf Mann, und Pfeiffer ist einer von ihnen. Das, was nun folgt, leitete Pfeiffer in seinem mündlichen Bericht durch zweierlei ein: Erstens daß er die Furcht der Frauen, das Weinen der Kinder nicht vergessen könne, zweitens daß er ein „guter Schütze“ war. Die Schüsse krachen Der Massenmord an Zivilisten, beileibe nicht der einzige, an dem die Wehrmacht beteiligt war, nimmt seinen Lauf. Lothar Pfeiffer schießt ebenfalls — aber nicht auf die wehrlosen Geiseln, sondern in den Boden. Ein anderer von den Zwölfen tut es ihm gleich. Sie blicken sich an. Der Kommandeur stellt die beiden zur Rede. Pfeiffer antwortet: „Bin kein Mörder!“
1942 wurde Lothar Pfeiffer mit dem anderen Mordverweigerer in die Garnison Brandenburg zurückgeschickt. Was nun kam, war zu ahnen: Kriegsgericht in Potsdam und das Todesurteil für die beiden Angeklagten. Ihre Lage hatte sich noch verschlimmert, weil herausgekommen war, daß sie sich mit Fluchtgedanken trugen. Sie wollten sich einer Widerstandsgruppe in England anschließen. Für die Kriegsrichter ein klarer Fall: Zur Befehlsverweigerung kam auch noch die Absicht zu desertieren.
Lothar Pfeiffer wurde begnadigt — zu 15 Jahren Zuchthaus. Sein Vater, ein altgedienter SA-Mann, verwandte sich für ihn. Nach der Begnadigung brachte man ihn als Häftling in eines der berüchtigten Emslandlager. Er war nun ein Moorsoldat, später mußte er in einem Strafbataillon Minen räumen, wurde verwundet, geriet in Kriegsgefangenschaft ...
Wie so viele andere wollte er nach 1945 alles vergessen. „Ich verbohrte rnicht in Arbeit.“ Schließlich aber die befreiende Erkenntnis, daß Vergessen Sisyphos-Arbeit ist. und der bleibende „Stolz, daß ich kein Mörder wurde“.