Heft 9 vom 27.04.1995 7/09 scan 2026-08-01

Der moderne Geschichtsrevisionismus:

Veranstaltung in der Infokneipe, Dienstag 16 Mai, 20 Uhr


Veranstaltung in der Infokneipe, Dienstag 16 Mai, 20 Uhr

Der moderne Geschichtsrevisionismus:

Die Täter verstecken sich hinter den Opfern Im Rahmen von Aktivitäten zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai lädt die Infokneipe zu einer Veranstaltung ein, auf der Martin Fochler, Mitherausgeber der „Politischen Berichte“ und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Bund Westdeutscher Kommunisten in der PDS, sich mit dem deutschen Geschichtsrevisionismus auseinandersetzen wird. Oer Referent hat in einem Vorabtext, der hier veröffentlicht werden soll, Thesen dazu aufgestellt. - (red)

Die mediale Verarbeitung des 50. Jahrestages des Untergangs des Dritten Reiches wirft für die neue deutsche Expansionspolitik Probleme auf. Ziel der nationalsozialistischen Expansionspolitik war die Neuordnung Europas unter deutscher Hegemonie. Unter der militärischen Alleinherrschaft der Nationalsozialisten waren den Ländern und Völkern Funktionen zugewiesen, die Palette reichte vom Angebot, an der Macht teilzuhaben über die Verurteilung zu Zwangs- und Sklavenarbeit hin zur Deportation und Massentötung.

Die Differenz zum gegenwärtigen Zustand ist offensichtlich, aber es gibt Ähnlichkeiten der Situation, die politisch wirksam werden. So war für die Nationalsozialisten der Osten Entfaltungsraum deutscher Expansion. Die gesamte Kriegsführung der Nazis war auf das Ziel ausgerichtet, die Widerstandskraft der Völker im Osten Europas zu brechen. Die Faschisten dachten sich den Osten als einen offenen Verfügungsraum für deutsche Siedlungs- und Verwertungsinteressen. Sic wollten ein soziales und kulturelles Gefälle organisieren, in dem die arbeitenden Massen auf verordnet niedrigem Niveau gewaltsam festgehalten zum Verbrauch durch die großen Wirtschaftsinteressen der deutschen Herren bereitgestellt sein sollten.

Diese Vorstellung wurde von der deutschen Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre gierig aufgenommen. Die Expansion und das Florieren einer Herrenrasse bei gleichzeitigem Verzicht auf die Entwicklung der allgemeinen Lebensverhältnisse, ja sogar der ausdrücklichen Bereitschaft, dem überwältigend großen Teil der Menschheit das Recht zur Teilnahme am Fortschritt, ja sogar zum Leben abzusprechen — das war eine brutale Verarbeitung der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise.

Dabei konnte sich der deutsche Nationalsozialismus auf Vorurteile und Realitäten stützen. Die Vorstellung eines „Kulturgefälles“ von West nach Ost war in der deutschen Bevölkerung virulent. Dazu kam die staatstragende Rolle des deutschen Junkertums, in der sich das Verhältnis von angeborener Bestimmung zu „Herr“ oder „Knecht“ in die industrialisierte Gesellschaft hinübergerettet hatte. Die bürgerliche Ideologie bezog ihre umwälzende Kraft aus der kapitalistischen Wirtschaftspraxis, die ihre Schubkraft aus ihrer Tendenz zog, die Lebensverhältnisse in den von ihr erfaßten Gesellschaften zu modernisieren.

Der deutsche Nationalsozialismus stellte zum ersten Mal eine Konzeption der Kapitalisierung der Welt vor, die sich diesem Angleichungsdruck entzog durch das Dogma der Vorherrschaft einer Rasse. Dadurch war ein ideologisches und dann auch ein politisches System geschaffen, in dem die Ungleichheit der persönlichen Rechte wie der politischen Verfassung zusammenhängend begründet werden konnte und sich zu einer Partei-, Militär- und Staatsorganisation von beunruhigender Festigkeit zusammenballte. Das von den Faschisten aufgerichtete System scheiterte nicht an sich selbst, sondern erst unter den Schlägen der von ihm Angegriffenen.

Worin läßt sich da auch nur irgendeine Ähnlichkeit zum heutigen Zustand erkennen?

Auch heute gibt es ein breites Gefühl, daß die Angleichung der Lebensverhältnisse auf das Niveau der „entwickelten“ Länder nicht möglich und nicht einmal wünschenswert wäre. Auch heute geht die Expansionsstrategie des großen Kapitals nicht mehr von einer allgemeinen Fortentwicklung der Weltgesellschaft aus, sondern verfolgt eine Kapitalexportstrategie, die in einem Meer von Armut politische Abhängigkeit und Unterdrückung Inseln hoher Produktivkraft schaffen will.

Es besteht neuerlich eine Situation, in der geplante Ungleichheit der Entwicklung nach einem ideologischen und politischen Begründungszusammenhang sucht. Vor diesem Hintergrund wird z.B. begreiflich, wieso die konservative Rechte so verbissen das Netzwerk faschistischer Theoriebildner verteidigt. Verschärft wird diese Situation durch ein spezifisch deutsches Moment: Nachdem das Scheitern des Faschismus praktisch bewiesen hatte, daß Deutschland seinen Nachbarn nicht als Hegemonialmacht gegenübertreten kann. verstärkten sich Tendenzen, irgendeine Art von Auskommen zu suchen, die auf Gleichberechtigung beruhen sollte. Aber der Zerfall des realen Sozialismus, der mit einem Rückgang der politischen Widerstandskraft der östlichen Nachbarn des neuen Deutschland verbunden war, hat einen Raum für eine spezifisch deutsche Hegemonialsphäre geschaffen. Vor den bestimmenden Mächten des neuen großen Deutschland steht das wesentliche Kriegsziel der Faschisten als neue Verlockung.

Die Verteidigung der geschichtlichen Tatsachen kann dieser Verlockung viel von ihrem gefährlichen Reiz nehmen. Dienstag, 16. Mal, 20 Uhr in der Infokneipe

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